Carol Rama

Kritiken (Auswahl 1 - 2)

 

«Carol Rama ist von jenem unbesonnenen Temperament, das sich zum ersten Mal von zehn Jahren gezeigt hat, als sie in der kleinen Galleria del Bosco, die dem Palazzo Campana gegenüber liegt, gewisse dichte Figurenlarven ausstellte, die vor harziger und körniger Flüssigkeit aus der Retorte trieften. Die Künstlerin hungert nach Kenntnissen und Erfahrungen, nach unbeständigen Beziehungen, nach wankenden Vorhaben: so wie eben heute jeder sein muss, der sich wie sie und viele Andere bewegt zwischen dem Wunsch, endlich einen Ort zum Bleiben zu finden, und dem - schon erwarteten - Widerstreben, diesen Ort zu akzeptieren, als ob man damit ein tödliches Risiko einginge.»
aus: Luigi Carluccio, «Un rischio di morte», in La Gazzetta del Popolo,
9
. Januar 1957
 

Carol Rama in der Galerie Il Fauno, Turin 1973

 

«Wer Carol kennt, wer ihre Ausdrucksweise kennt, weiss, dass es einen Satz gibt, den sie besonders mag und oft benutzt: “fa vissuto, das ist Teil des Erlebten”. Es ist ein Ausdruck, der sich auf jeden Gegenstand anwenden lässt, der die Zeichen der Zeit an sich trägt, der zugibt, benutzt worden zu sein. In ihrem Fall greift diese Redensart zärtlich ein, um im Falle eines irreparablen Tellerrisses oder eines unlöschbaren Flecks auf einem Möbel oder einem Kleid zu trösten. Aber der Ausdruck ist nicht immer ein Trostwort. Er erzählt vor allen Dingen von dem tiefen Schrecken, den Carol vor all dem hat, was keine Vergangenheit, keine Geschichte hat - und nicht einmal haben will. Er drückt auch aus, dass die Vergangenheit unbedingt Abnutzung und Korruption bedeutet, die bis zu dem Grad vorangetrieben werden, an dem sich die Benutzung in ihr Gegenteil verwandelt. Jeder Gegenstand kommt also mit der irritierenden Gabe seiner ursprünglichen Unschuld zur Welt, die möglichst rasch gelöscht werden muss: die Abnutzung muss ihn zeichnen - ihn nötigenfalls ruinieren und entstellen - damit möglichst bald der bestechende, aber lebenswichtige Beweis eben des Erlebten sichtbar wird.»
aus: Edoardo Sanguineti, in Carolrama, Galleria La Bussola, Turin, 1971
 

 
 

«Aber wer ist nun eigentlich Olga Carol Rama?
Sie ist ein diabolischer Engel, umgänglich und wild; eine Dilettantin auf höchstem Niveau; eine sich niemals der Banalität ergibende Schiffbrüchige; ein Fool im Stil von Manganelli und ein brandstiftender Kobold; ein Kunstgriff, eine perfekte Inszenierung; ein Mosaik aus Ruinen aus Überresten der Vergangenheit; eine literarische Erfindung, ein Gedicht von Sanguineti und ein Element aus Baudelaire; sie ist exotisch, erotisch, heroisch.
Sie ist aber auch “schön und verwerflich”, gräßlich und engelhaft, primitiv und blasiert, bezwungen und unverwundbar, lebhaft und enthaltsam, funkensprühend und ruchlos, aristokratisch und plebejisch, pervers und aufs höchste unschuldig, heiter und untröstlich, ein gebildete Dame, scheu und arbeitssam, schäbig und nonnenhaft. Ist sie Molly Bloom oder Alice, Missis Ramsey oder Pandora, Sysyphos oder Ikaros, Gorgona oder Cagliost, Medusa oder Eurydike ohne Orpheus?
Niemand, niemand kann das wissen. Die Künstlerin gibt und verleugnet sich, von einem ständigen Geheimnis umgeben.»
aus: Lea Vergine, «Carol Rama: eroica, esotica, eretica», in Carol Rama, Stadt Mailand, 1985
 

 

Carol Rama und Lea Vergine, 1984

 

«So häuft sich, bei Mäusen, Polypen, Kröten, Fröschen, Gerippen, Körpern, Künsten, Kapitellen, Kränzen, Geschlechtsorganen, Augen, Samt, Farbresten und Architekturen die Kunst Carol Ramas, um Dinge zu vereinigen, Kontakte herzustellen, das Leben klar zu zeichnen, mit wachen Sinnen, Sanftheit, Offenheit und einer immer währender Bejahung.»
aus: Dario Trento, «Carol Rama», in Westuff, September-Oktober 1986
 

   
 

«Carol hat einen langen Weg hinter sich, der die Summe ständiger Ausbrüche ist und sie dazu gebracht hat, sich in immer wieder anderen Gebieten zu versuchen (sagen wir einmal immer wieder neue Krater zu schaffen): Den Impulsen ihrer aggressiven Schüchternheit, ihrer unschuldigen Frechheit folgend, ist sie immer auf der Suche nach dem, was auf den ersten Blick nicht das Thema ihrer Darbietung darstellt.»
aus: Giuliano Briganti, «Il “Vesuvio” Carol Rama», in Carolrama. Opere dal 1937 al 1987, Galleria dell’Oca, Rom, 1987

 

   
 

«Im Grunde lag für Carol wohl immer schon die Anstrengung darin, etwas, was sie mit aller Macht zum Unförmigen zu verdammen drohte, in eine Form zu zwingen. »
aus: Enrico Filippini, «I denti di Mila», La Repubblica, 14 Mai 1987
 

   
     
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